Operntagebuch einer Praktikantin Teil 3

Operntagebuch Holofernes

von

Karolina Küsters

09.05.16

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In der Probebühne ist es richtig gemütlich geworden. Beim Eintreten erwartet einen ein reich gedeckter Tisch voller Notizblöcke, Stifte, Kaffee, Milch, Zucker und einer hübsch drapierten Gebäckvariation. Der abgetrennte Kopf einen Tisch weiter, die bunt verteilten Messer, Bögen, Speere sowie die neu dazugekommene unanständig aussehende Riesengurke stören dieses idyllische Bild nur unerheblich.
Wir gehen mit Daniel (Osias) seine Auftritte durch.

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Katrin und ich sollen die Bartträger spielen, wobei Katrin aus ihrer ohnehin schon umfunktionierten Krücke alle möglichen anderen Gegenstände macht. Gerade hält sie sie wie einen Riesenhammer und rennt damit schreiend auf Jürgen zu, als wolle sie ihn kaltblütig von hinten erschlagen. Vielleicht verändert uns die Produktion alle ein bisschen.

Dann stehen wir zusammen in der Sonne, trinken Kaffee und rauchen. Während sich alle angeregt unterhalten, schweife ich ab, starre in den Himmel und denke über den schönen Sommeranfang nach, dass es früh hell und warm wird, ich mich ab jetzt immer fit und geistig auf der Höhe fühlen werde, und wieso wir eigentlich nicht einfach im Freien proben können, da stellt sich Ansgar neben mich: „Guck nicht so interessiert!“… Gehe zurück ins Dunkle, Kaffee kochen.

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Dann kommt Mark (Holofernes) und sagt, er müsse erst mal etwas leise anfangen mit der Gesangsprobe. Das macht er dann auch… für ungefähr 30 Sekunden. Dann zucke ich sosehr zusammen, dass ich fast vom Stuhl falle. Mark singt jetzt doch richtig… obwohl ich nicht verstehe, wie das anatomisch gesehen überhaupt seine Richtigkeit haben kann. Die Ohren der anderen haben sich aber offensichtlich schon an diese 300-Dezibel-Beschallung gewöhnt, denn ich bin die einzige, die sich andauernd während der Proben zu Tode erschreckt. Die Probe geht schnell und unkompliziert über die Bühne. Scheint also alles gut zu funktionieren.
Jürgen hat n’gutes Gefühl…

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Abends sind wir wieder auf der Opernbühne. Alle quatschen. Es geht um ein Kostüm, an dem besonders viel Blut sein soll… Jürgen hat sich seinen eigenen Kaffee mitgebracht. Er sagt außerdem, er sei besorgt, dass mich die Videos verschrecken, die er uns in den Pausen gerne zeigt (es kommen meist Brüste und Blut vor…) Das ist sehr lieb und fürsorglich von ihm… nimmt mir aber auch einen Großteil an Stoff für das Tagebuch…

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Naja, bevor es losgeht, gehen wir dann jedenfalls noch eine rauchen. Ich gewöhne mir einfach an, mit der vielen Zeit, die ich an Kaffeekochen einspare, Zigaretten für Jürgen mitzudrehen.
Dann geht’s los. Es sind Johanni, Holofernes, Johannes (Achior) und die drei Statisten da. Die erste halbe Stunde wird allerdings nur ein Turm nach vorne und nach hinten geschoben, Jürgen steht vorne und weist die Technik an, aber eher so, als ginge es nicht um ein riesiges, schweres Gerüst, sondern um ein nettes Ölgemälde, dass die nette Nachbarin von nebenan doch gerne noch ein Mü weiter links an ihrer Wand hängen hätte. Alle anderen sitzen drum herum… und quatschen.

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Danach fehlt Karioca (Tanzamazone) für die nächste Szene… Kann man nichts machen, Pause… Gerade will ich Jürgen die Zigarette hinhalten, da nimmt er sich einfach eine andere… Ob er mich vielleicht feuern will?
Als Karioca da ist, kommen sie und Vincent (Statist) in provisorischen Kostümen herein. Jürgen fragt Vincent, warum er denn soviel anhabe – es ist eigentlich gar nicht soviel. Es entbrennt eine kleine Diskussion mit Emilia und Christopher (beide Kostüm) darüber, ob die für Vincent vorgefertigte Weste ihn nackt genug aussehen lässt. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn die beiden am Ende überhaupt keine Kostüme mehr machen müssten und muss lachen. Dann stocke ich. Sie haben jetzt vielleicht auch Angst, gefeuert zu werden.
Mal wieder 22 Uhr. Und schon die Hälfte der Probenzeit vorbei! Absurd… Bin gespannt, wie’s weitergeht.

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10.05.
10:30 Heute Nacht hat doch tatsächlich jemand unseren Turm beschmiert. Mit Kreide wurde eine Art Wurm oder sowas (ein bisschen sieht es aus wie die Wurst auf der Bühne) gemalt, mit einer kleinen, vertikalen Linie auf der Kuppe. So ein Unsinn! Habe insgeheim Jürgen selbst in Verdacht. 10:45 Wir gehen mit Johanni ihre erste Arie durch. Die Einzelproben finde ich mittlerweile am Spannendsten, weil einem vielmehr über die Rolle und die Wirkung auf die Zuschauer klar wird. 11:00Wir schieben und drehen jetzt schon wieder den Turm, dann gehen wir den Beginn des 2. Aktes durch und Jürgen hat die Idee, Björn (den Sklaven-Statisten) nackt vor dem Vorhang hocken zu lassen, um die Noten für den Trompeter zu halten. Ich hoffe, Björn weiß noch nichts von seinem Glück.

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11:00 Ansgar hat mir erklärt, was die wurmähnliche Form darstellen soll. Außerdem hat sich mein Verdacht bestätigt. Es war der Regisseur! Ich bin entsetzt!
13:00 Mittagessen und Zigarettenpause. Habe Jürgen seine Zigarette hingelegt. Als ich rausgehen will, steht Ansgar vor mir. Ich sage irgendetwas (anscheinend) dummes, oder Lustiges, woraufhin Ansgar mich ansieht wie ein kleines niedliches Ferkelchen und mich innig umarmt. Ich fühle mich nicht ganz ernst genommen. Da ertönt Jürgens Stimme und ich zucke schon wieder zusammen: „KARO! FEUER!“ Ich drehe mich um. Er steht draußen und winkt mir mit meiner Zigarette. Werde wohl doch nicht gefeuert!

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A knife and a maid

Rehearsal with welsh Mezzo Soprano Ceri Williams, who plays Judith’s maid and friend ABRA. Judith is here represented by our intern Caro. At the piano Chris!

ABRA:

So sitzt sie nun schon 3 Tage und 3 Nächte.

Sie isst nicht, sie trinkt nicht, sie spricht nicht.

Sie seufzt und wehklagt nicht einmal.

„Das Haus brennt“ schrie ich ihr gestern Abend zu und stellte mich,

als hätte ich den Kopf verloren. Sie veränderte …